Martha Brandenburg, geb. Hermann
- Geburtsjahr: 1897
- Letzte Dessauer Wohnadresse: Bismarckstraße 21 (heute Willy-Lohmann-Straße/Ecke Ruststraße)
- Todesdatum: unbekannt
In Delitzsch geboren und aufgewachsen, hatte Martha Hermann 1913 sechzehnjährig eine Anstellung in einem großbürgerlichen Haushalt in Berlin aufgenommen. Der Erste Weltkrieg zerstörte ihre Hoffnungen auf ein gutes Leben. 1918 gehörte sie zu den vielen Deutschen, die sich mit Gelegenheitsarbeiten und mittels Armenspeisung durchschlagen mussten. Zur Familie nach Delitzsch zurückzukehren, traute sie sich nicht, denn sie erwartete ein uneheliches Kind. Um wieder in einem Haushalt tätig werden zu können, musste sie ihren Sohn Heinz bald nach seiner Geburt in einer Pflegefamilie unterbringen.
Der 1897 geborene Paul Brandenburg wuchs in Posen als Sohn eines Oberinspektors auf. Die vom Vater gewünschte Beamtenkarriere kam für den mit Unterprivilegierten Sympathisierenden nicht in Frage. Vor der Einberufung zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg floh er nach Russland. Als Anhänger von Karl Liebknecht ging er 1918 nach Berlin, wollte dort an der Errichtung einer sozialistischen Republik mitwirken und nahm an Demonstrationen teil. Ende 1918 verhaftet, wurde Paul Brandenburg zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung lernte er die gleichaltrige Martha Hermann kennen.
Anfang der 1920-er Jahre begegneten sich Martha Hermann und Paul Brandenburg und träumten von einem besseren gemeinsamen Leben. Die Inflation 1923 brachte das Paar in eine tiefe Krise, zumal sich ein gemeinsames Kind ankündigte und Martha Hermann deshalb wieder die Anstellung verlor. Ihr Mann, der zu dieser Zeit als Kontrolleur bei der Reichsbahn arbeitete, hatte die folgenschwere Idee, Passagieren Gepäckstücke zu stehlen. Schnell flogen ihre Raubzüge auf, sie wurden verhaftet, angeklagt und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Martha Hermann wurde aufgrund der Niederkunft ihrer Tochter Sorelli vorzeitig entlassen.
Sie kehrte zur Familie nach Delitzsch zurück. Vier Jahre später folgte ihr Paul Brandenburg nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus. Sie heirateten im November 1927 in Delitzsch und wagten in Leipzig einen Neuanfang. Im Februar 1929 kam dort ihre zweite Tochter Ingeborg zur Welt, mit Gerald und Sonja folgten zwei weitere Kinder. 1931 zog die Familie nach Dessau, wo Paul Brandenburg eine Arbeit als Monteur in den Junkers Flugzeug- und Motorenwerken erhalten hatte. Es schien bergauf zu gehen. Doch in Anhalt prägten nationalsozialistische Anhänger das Straßenbild. Paul Brandenburg protestierte an der Seite der KPD und des Roten Frontkämpferbundes.
Auf die Bildung der nationalsozialistischen Landesregierung in Anhalt 1932 folgte 1933 die reichsweite Machtübernahme. Aufgrund seiner politischen Orientierung und der kriminellen Vergangenheit geriet Paul Brandenburg in den Fokus nationalsozialistischer Verfolgung und wurde aus den Junkerswerken entlassen.
Er kam in der Dessauer Zuckerraffinerie unter. Die staubbelastete, schwere Arbeit führte Mitte der dreißiger Jahre zu einem Zusammenbruch und zog einen etwa einjährigen Aufenthalt in einem Sanatorium nach sich. Inzwischen hatte das fünfte gemeinsame Kind Eleonore die Familie erweitert. Martha Brandenburg war nun gezwungen, die Kinder allein durch zu bringen. Doch mit den Einkünften als Wäscherin in einem Kinderheim hätte sie die Wohnung in der Bismarckstraße 21 (heute Willy-Lohmann-Straße) nicht halten können. In ihrer Not bot sie Männern ihre Dienste an.
Paul Brandenburg kehrte als gebrochener Mann nach Dessau zurück und sprach zunehmend dem Alkohol zu. Die Ehe war zerrüttet und auch Gewalttätigkeiten blieben nicht aus. Den Kindern fehlte die elterliche Geborgenheit, Nachbarskinder durften nicht mit ihnen spielen und sie wurden als „Verbrecherkinder“ beschimpft.
1937 verhaftete die Polizei Paul Brandenburg, nachdem er versucht hatte, Lebensmittel zu stehlen. Seine Frau arbeitete inzwischen bei einem Kohlenhändler. Nach Monaten der Haft konnte ihr Mann noch einmal zu seiner Familie zurückkehren.
Drei Tage nachdem Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselt hatte, nahm die Gestapo Paul Brandenburg in „Vorbeugehaft“ und die Kriminalpolizei Dessau lieferte ihn am 6. September 1939 in das Konzentrationslager Buchenwald ein. Seiner Frau wurde das Sorgerecht für die Kinder entzogen und diese auf verschiedene Kinderheime verteilt. Die älteste Tochter Sorelli Brandenburg erlitt im Alter von 16 Jahren eine Zwangssterilisation.
Im März 1940 überstellte die SS Paul Brandenburg in das Konzentrationslager Mauthausen nahe Linz. Im darauffolgenden September erhielt seine Frau die Nachricht, dass er dort am 8. August 1940 mittels „Freitod durch Elektrizität“ verstorben sei. Im Frühjahr 1943 verhaftete die Polizei auch Martha Brandenburg, die an ihrem Arbeitsplatz, der Gaststätte „Tivoli“, versucht hatte, Alkohol zu stehlen. Bei ihrer Vernehmung soll sie zudem „staatsfeindliche Äußerungen“ getätigt haben. Über das Polizeigefängnis in Magdeburg wurde sie im Mai 1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Dort verliert sich ihre Spur.
Martha und Paul Brandenburg sind die Eltern der später berühmten Jazzsängerin Inge Brandenburg, die am 18. Februar 1929 in Leipzig geboren wurde. Sie fielen als sogenannte regimefeindliche „Volksschädlinge“ den Nazis zum Opfer.
Quellen: Marc Boettcher: Sing! Inge, Sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg. Parthas Verlag, Berlin 2016 Arolsen Archives
Autorin: Jana Müller, Stadtarchiv Dessau-Roßlau
Lage der Stolpersteine für Martha Brandenburg, geb. Hermann